Die entscheidende Frage nach der Route, die der karthagische General Hannibal im Jahr 218 v. Chr. für die Überquerung der Alpen wählte, steht im Fokus intensiver wissenschaftlicher Untersuchungen. Mit einer Armee von 46.000 Soldaten, etwa 8.000 Pferden und 37 Kriegselefanten stellte dieses historische Ereignis eine gewaltige logistische Herausforderung dar. Bis heute bleibt unklar, welcher Weg durch die Alpen der effizienteste war, um die Po-Ebene zu erreichen.
Ein deutsches Forschungsteam hat sich nun dieser Problematik mit innovativen Methoden genähert. Emilio Berti vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung und Vollrath von der Universität Jena analysierten den Energiebedarf der beteiligten Menschen, Pferde und Elefanten auf verschiedenen möglichen Routen. Ihre Forschungsergebnisse wurden kürzlich in einer angesehenen Fachzeitschrift veröffentlicht.
Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass frühere Diskussionen über die Alpenüberquerung von Hannibal oft die biologischen Bedürfnisse der beteiligten Tiere und Menschen nicht hinreichend berücksichtigt haben. Während Soldaten und möglicherweise auch Pferde eigene Vorräte tragen konnten, war dies für die bis zu drei Tonnen schweren Elefanten unmöglich.
Die Herausforderungen der Routenwahl
Ein ausgewachsener Elefant benötigt täglich bis zu 200 Kilogramm Nahrung und verbringt rund 14 Stunden mit der Nahrungssuche, um sein Gewicht zu halten. Die Wahl der Route war somit entscheidend für das Überleben von Mensch und Tier während der Alpenüberquerung, insbesondere unter schwierigen Bedingungen und begrenzten Nachschubmöglichkeiten.
Das Team rekonstruierte vier mögliche Routen, darunter die traditionell bevorzugte Strecke über den Col de Clapier sowie die in aktuellen Studien häufig genannte Route über den Col de la Traversette. Die Berechnungen ergaben, dass die Traversette-Route die kürzeste und energieeffizienteste Option gewesen wäre, mit einem Gesamtenergieaufwand von 5,42 Terajoule für die gesamte Armee, was 5,42 Billionen Joule entspricht. Auf dieser Strecke hätten die Truppen über einen Zeitraum von 15 Tagen etwa 232 Tonnen Nahrungsmittel benötigt.
Vergleich der verschiedenen Routen
Für die Strecke über den Col du Clapier ermittelten die Forscher einen Energieverbrauch von 6,28 Terajoule, was rund 16 Prozent mehr ist als bei der Traversette-Route. Selbst bei der energieeffizientesten Route wäre es für die Elefanten unrealistisch gewesen, täglich fünf bis sechs Stunden mit der Nahrungsaufnahme zu verbringen, um ihren Energiebedarf zu decken.
Die Forscher vermuten, dass sowohl Menschen als auch Tiere während des Marsches auf ihre Energiereserven angewiesen waren. Ihre Berechnungen zeigen, dass die Soldaten auf der Traversette-Route etwa 19 Prozent ihrer Körperfettreserven verloren, während Pferde rund 11 Prozent und Elefanten etwa 4 Prozent ihrer Fettreserven einbüßten.
Nachhaltige Herausforderungen nach der Überquerung
Obwohl viele Elefanten die Alpenüberquerung erfolgreich meisterten, stellte die Versorgung der Tiere nach der Ankunft in Italien ein erhebliches logistisches Problem dar. Während die Soldaten ihre Fettreserven relativ schnell regenerieren konnten, benötigten die Elefanten deutlich längere Zeit und große Mengen an Futter, um sich zu erholen und den Winter zu überstehen. Berichten zufolge wurde dieses logistische Problem nicht gelöst, was dazu führte, dass bis auf Hannibals persönlichen Elefanten Surus alle anderen Tiere den Winter nicht überlebten.
Die Gründe für Hannibals Entscheidung, mit Kriegselefanten in den Kampf zu ziehen, sind ebenfalls umstritten. Wahrscheinlich hoffte er, dass die Elefanten in den ersten Schlachten gegen die Römer einen entscheidenden taktischen Vorteil verschaffen würden. Zudem könnte er erwartet haben, dass die Elefanten die als feindlich geltenden Kelten in Norditalien beeindrucken und sie auf seine Seite ziehen würden.
Hannibals militärische Strategien in Italien
Nach der Alpenüberquerung verbrachte Hannibal 14 Jahre mit militärischen Auseinandersetzungen in Italien, in denen er bedeutende Siege über die Römer erzielte. Trotz seiner Erfolge gelang es ihm jedoch nicht, Rom zur Kapitulation zu zwingen, was schließlich zu seiner Rückberufung in die Heimat führte. Im Jahr 202 v. Chr. wurde seine Armee, die 80 Kriegselefanten umfasste, in der Schlacht von Zama von einem römischen Heer besiegt. Diese Niederlage resultierte in der Kapitulation Karthagos und dem Ende des Krieges.
Quellen: n-tv, jenatv
Bildquelle: Bernardino Cesari via Wikimedia Commons (Public domain)