Die verheerenden Folgen eines schweren Erdbebens in Venezuela werfen ein Schlaglicht auf das Versagen der Behörden und die unzureichende Unterstützung für die betroffenen Familien. Während die Zahl der Todesopfer steigt, sind viele Venezolaner gezwungen, selbst nach ihren vermissten Angehörigen in den Trümmern zu suchen.
Am 24. Juni 2026 erschütterten zwei starke Erdbeben den Norden Venezuelas, wobei der Bundesstaat La Guaira besonders stark betroffen war. Nach Angaben der venezolanischen Regierung sind mittlerweile über 3.500 Menschen ums Leben gekommen, während mehr als 16.000 Verletzte zu beklagen sind. Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge werden noch zehntausende Personen vermisst.
Erdbeben mit verheerenden Folgen
Die US-Raumfahrtbehörde NASA schätzt, dass mehr als 58.000 Gebäude durch die Erdbeben beschädigt oder zerstört wurden. Viele Menschen sind obdachlos und leben in Notunterkünften, die oft keinen Zugang zu sauberem Wasser bieten und unter schlechten sanitären Bedingungen leiden. Dies könnte zu einem Ausbruch von Krankheiten führen.
Schlechtes Krisenmanagement fördert die Wut
Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst, da die Katastrophe die Unzulänglichkeiten der Regierung offenbart. Phil Gunson von der Crisis Group Venezuela äußerte, dass es der Regierung an Führung und Koordination fehle. Auch die Hilfsorganisation Caritas International kritisiert das Krisenmanagement der Übergangsregierung als katastrophal. Hilfskräfte werden behindert, und zivile Helfer sind oft auf sich allein gestellt.
Nach dem Beben hat das Militär die am stärksten betroffene Region La Guaira teilweise abgeriegelt, um Rettungsfahrzeuge zu schützen. Freiwillige Helfer müssen sich registrieren, um Spenden und Unterstützung anzubieten, doch die Registrierungsstellen sind häufig geschlossen. Zudem fehlt es an schwerem Gerät zur Trümmerbeseitigung.
Rückschlag für eine bereits marode Wirtschaft
Die Erdbeben treffen Venezuela in einer ohnehin angespannten wirtschaftlichen Lage. Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez hat den Ölsektor für internationale Unternehmen geöffnet, jedoch sind die Förderanlagen stark veraltet. Laut dem venezolanischen Wirtschaftswissenschaftler Oswaldo Felizzola müssten etwa 100 Milliarden US-Dollar in Reparaturen investiert werden.
Das Weiße Haus hat einen Fonds eingerichtet, um Gelder aus dem Ölsektor für den Wiederaufbau der venezolanischen Erdölindustrie zu verwalten. Felizzola warnt jedoch, dass der Ölmarkt in Zukunft schrumpfen wird und Venezuela neue Wirtschaftszweige, insbesondere im Bereich erneuerbare Energien, entwickeln muss.
Der Weg zu einem wirtschaftlichen Aufschwung bleibt lang. Rund acht Millionen der insgesamt 28 Millionen Venezolaner leben unter der Armutsgrenze, während der Mindestlohn bei etwa 240 US-Dollar pro Monat liegt.
Der demokratische Wandel bleibt aus
Die Enttäuschung über die stagnierende politische Situation ist groß. Viele Venezolaner fordern einen Regierungswechsel, freie Wahlen sowie bessere Löhne und Renten. Nach dem Sturz von Nicolás Maduro schien es zunächst eine neue Offenheit zu geben, als Delcy Rodríguez im Februar 2026 ein Amnestiegesetz verkündete, das die Freilassung politischer Gefangener vorsah. Laut der venezolanischen Menschenrechtsorganisation Foro Penal waren zu diesem Zeitpunkt etwa 860 Menschen inhaftiert.
Allerdings wurde das Amnestiegesetz Ende April 2026 wieder ausgesetzt, mit der Begründung, es habe seine Funktion erfüllt. Derzeit sind laut Foro Penal noch fast 400 politische Gefangene inhaftiert. Die Frage nach Neuwahlen bleibt ungewiss, da Rodríguez Maduro-treue Minister entmachtet und eigene Vertraute eingesetzt hat. Die venezolanische Verfassung sieht vor, dass innerhalb von 180 Tagen nach der Abwesenheit des Präsidenten Neuwahlen ausgerufen werden müssen, doch ein demokratischer Wandel ist nicht in Sicht, so die sozialdemokratische Abgeordnete Anaís Plaza.
Quellen: deutschlandfunk, tagesschau, BR
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