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Teilzeit-Debatte: Mehr Arbeitszeit heißt nicht mehr Wachstum

Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion fordert eine Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Experten warnen jedoch, dass weniger Teilzeit nicht automatisch mehr Produktivität bedeutet.

Teilzeit-Debatte: Mehr Arbeitszeit heißt nicht mehr Wachstum

Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) sieht in einer Reduzierung von Teilzeitarbeitsplätzen eine Möglichkeit, den Fachkräftemangel in Deutschland zu bekämpfen.

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Im Mittelpunkt der gegenwärtigen Diskussion über Teilzeitarbeit steht ein Vorschlag der MIT, der zum Ziel hat, den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit zu beschränken. Diese Initiative wird von Vorwürfen begleitet, die Bundeskanzler Friedrich Merz seit seinem Amtsantritt vor fast einem Jahr geäußert hat: Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Deutschland seien auf eine unzureichende Leistungsbereitschaft zurückzuführen.

„Work-Life-Balance“ und eine Vier-Tage-Woche sind nicht ausreichend, um den Wohlstand unseres Landes zu sichern, weshalb eine Erhöhung der Arbeitszeit erforderlich sei, erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Veranstaltung des Wirtschaftsrats der CDU am 14. Mai 2025.

Inhalt der Teilzeitdebatte

Die MIT fordert, dass Teilzeit künftig nur dann rechtlich beansprucht werden kann, wenn triftige Gründe wie Kindererziehung, Pflege von Angehörigen oder Fortbildung vorliegen. Wer seine Arbeitszeit lediglich zur Verbesserung der Work-Life-Balance reduzieren möchte, soll keinen rechtlichen Anspruch mehr darauf haben.

Die MIT und ihre Vorsitzende Gitta Connemann begründen diesen Vorstoß mit der gegenwärtigen Wirtschaftskrise und dem sich verschärfenden Fachkräftemangel in Deutschland. Die Überlegung dahinter ist, dass weniger Teilzeitarbeit mehr Fachkräfte für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stellt. Die FDP steht am Abgrund.

Wird in Deutschland zu wenig gearbeitet?

Laut OECD-Daten liegt die durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Arbeitszeit in Deutschland seit Jahren unter dem Niveau vieler anderer europäischer Länder und dem OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig ist die Erwerbstätigkeitsquote in Deutschland mit knapp 77 Prozent deutlich höher als der OECD-Durchschnitt von 69 Prozent.

Berichten des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zufolge arbeiten Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland im Jahr 2022 im Durchschnitt 1031 Stunden pro Jahr. Zum Vergleich: In der Schweiz waren es 1215 Stunden, was nur eine Stunde unter dem OECD-Durchschnitt liegt. Neuseeland führt das IW-Ranking mit fast 1400 Arbeitsstunden an.

Obwohl die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland seit Jahren sinkt, ist die Gesamtzahl der jährlich geleisteten Arbeitsstunden im gleichen Zeitraum stark gestiegen: Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stieg die Zahl von 47,1 Milliarden Stunden im Jahr 2004 auf 54,7 Milliarden Stunden im Jahr 2024. Professor Stefan Sell, Direktor des Instituts für Sozialpolitik der Hochschule Koblenz, betont, dass in Deutschland derzeit so viel gearbeitet wird wie nie zuvor.

Teilzeitbeschäftigung in Deutschland

Ein Grund für die hohe Anzahl an Arbeitsstunden ist die Zunahme der Beschäftigten, insbesondere bei Frauen. Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet in Teilzeit, während es bei Männern nur jeder Zehnte ist. Deutschland gehört damit im EU-Vergleich zu den Ländern mit den höchsten Teilzeitquoten, die je nach Statistik zwischen 29 und 40 Prozent liegen.

Die Gründe für Teilzeitarbeit sind vielfältig. Rund ein Viertel der Teilzeitbeschäftigten arbeitet aus familiären Gründen nicht Vollzeit, insbesondere wegen der Betreuung von Kindern oder der Pflege von Angehörigen. Bei Frauen ist es sogar jede Dritte, die aus diesen Gründen ihre Arbeitszeit reduziert.

Gründe für Teilzeitarbeit

Etwa zwölf Prozent der Teilzeitbeschäftigten arbeiten, um sich weiter- und fortzubilden, während knapp fünf Prozent aufgrund eigener Krankheit oder Behinderung in Teilzeit arbeiten. Ähnlich viele finden keine Vollzeitstelle. Mehr als die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten gibt an, Teilzeit arbeiten zu wollen oder aus persönlichen Gründen zu handeln.

In belastenden Berufen wie der Pflege wird Teilzeit oft als notwendige „Überlebensstrategie“ angesehen, um den hohen physischen und psychischen Belastungen standzuhalten. Viele Beschäftigte befürchten, in Vollzeit einem Burnout zu erliegen oder vorzeitig berufsunfähig zu werden.

Weniger Teilzeit löst das Fachkräfteproblem nicht

Studien zeigen, dass eine Erhöhung der Arbeitsstunden von Teilzeitbeschäftigten eine wirksame Maßnahme gegen den Fachkräftemangel sein könnte. Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung schätzt, dass rund 1,7 Millionen zusätzliche Vollzeitkräfte verfügbar wären, wenn teilzeitbeschäftigte Frauen ohne Kinder unter 14 Jahren nur 50 Prozent so viel arbeiten würden wie Männer in vergleichbaren Altersgruppen.

Kritiker warnen jedoch, dass die Abschaffung des Rechts auf Teilzeit nicht zielführend sei. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) weist darauf hin, dass eine Einschränkung der Teilzeit das Fachkräfteproblem sogar verschärfen könnte. Wenn Menschen aus Belastungsgründen, etwa in der Pflege, ihre Arbeitszeit nicht mehr reduzieren dürfen, könnte dies zu vermehrten Krankheitsfällen und Berufsaustritten führen.

Strategien gegen den Fachkräftemangel

Statt das Recht auf Teilzeit zu beschneiden, empfehlen Experten und Politiker, bessere Rahmenbedingungen und finanzielle Anreize zu schaffen. Unternehmen sollten den Bedürfnissen der Beschäftigten besser entgegenkommen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, etwa durch flexible Arbeitsmodelle und mehr Autonomie.

Ein massiver Ausbau von Kinderbetreuung und Tagespflegeangeboten gilt als einer der wichtigsten Hebel. Steuerexperten fordern zudem eine Reform des Ehegattensplittings und des Minijob-Rechts, da die bestehenden Regelungen oft dazu führen, dass sich Mehrarbeit für den Zweitverdiener finanziell kaum lohnt.

Mehr Produktivität statt mehr Arbeit

Einige Wirtschaftsexperten sind der Ansicht, dass die Teilzeitdebatte am eigentlichen Problem vorbeigeht. Die kriselnde deutsche Wirtschaft benötige mehr Wachstum, was jedoch nicht unbedingt mit einer Erhöhung der Wochenarbeitszeit einhergeht, sondern vielmehr mit einer Steigerung der Arbeitsproduktivität. Monika Schnitzer, eine Wirtschaftsweise, betont, dass zur Produktivitätssteigerung bessere Maschinen und Technologien erforderlich sind.

Christoph Desjardins, Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences, sieht den Trend zur Teilzeit sogar positiv: Er könnte den Einsatz von Produktivitätstechniken wie Künstlicher Intelligenz fördern und somit zur Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft beitragen.

Beispiel Niederlande

Die Niederlande zeigen, dass Wachstum nicht zwingend mit mehr Arbeitszeit verbunden ist. Das Land hat die höchste Teilzeitquote in Europa, und eine Vier-Tage-Woche ist seit mehreren Jahren gängig. Dies hat der Wirtschaftsleistung nicht geschadet: Das niederländische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag 2024 rund 13.000 Euro über dem deutschen Durchschnitt.

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Bildquelle: Shutterstpck / Volodymyr TVERDOKHLIB

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