Trotz der anhaltenden Sanktionen möchte sich Russland auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg als wirtschaftlich erfolgreich präsentieren. Dennoch häufen sich die Probleme in der russischen Wirtschaft.
Die Situation ist ernst. Obwohl Russland durch die gestiegenen Ölpreise mehr Einnahmen erzielt als zu Jahresbeginn prognostiziert, ist die wirtschaftliche Lage angespannt. Die Schulden steigen, während die Wirtschaft stagniert. Selbst Kremlchef Wladimir Putin sah sich im April gezwungen, auf die schwierige Lage im Land hinzuweisen.
Er räumte ein, dass nicht nur das schlechte Wetter für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den ersten beiden Monaten des Jahres verantwortlich war, und forderte die Regierung bei einem Treffen auf: „Ich erwarte heute detaillierte Berichte zur wirtschaftlichen Lage und dazu, warum die makroökonomischen Indikatoren unter den Erwartungen von Experten und auch unter den Prognosen der Regierung und der Zentralbank liegen.“
Der Rubel zeigt sich so stark wie lange nicht, was für Russlands Kriegswirtschaft unter Putin eine zusätzliche Belastung darstellt.
Wachstumsprognose drastisch gesenkt
Wie von Putin gewünscht, schien sich die Lage zunächst zu verbessern. Im Mai erklärte er: „Die jüngsten Maßnahmen der Regierung zeigen erste positive, wenn auch etwas bescheidene, Ergebnisse.“ Dies wurde durch die Statistiken für den Monat März untermauert. „Wie Wirtschaftsminister Reschetnikow kürzlich berichtete, hat der Konsum im März zugenommen. Der Großhandel wuchs um acht Prozent, der Einzelhandel um rund sechs Prozent.“ Insgesamt sei das Bruttoinlandsprodukt im März um 1,8 Prozent gestiegen, verkündete Putin.
Ein echter Aufschwung ist das jedoch nicht. Betrachtet man das gesamte erste Quartal, ist die Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 0,3 Prozent geschrumpft. Die russische Regierung hat ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr von 1,3 auf 0,4 Prozent gesenkt. Im ersten Quartal hat der Staat bereits mehr Schulden gemacht, als ursprünglich für das gesamte Jahr eingeplant war.
Veränderungen in der wirtschaftlichen Entwicklung
Die russische Wirtschaftsgeografin Natalia Subarewitsch beobachtet einen Wandel in der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre. Jedes Jahr bringe neue Veränderungen. So habe es 2022 aus nachvollziehbaren Gründen einen Rückgang gegeben. „2023 dann wieder schnelles Wachstum in der Industrie und bei den Löhnen. 2024 stiegen die Löhne noch schneller, während die zivile Industrie schrumpfte. 2025 erlebte der Handel einen Rückgang, und die zivile Wirtschaft stagnierte. Jetzt haben wir 2026. Die Gastronomie wird leiden. Wir warten auf Daten im Sommer. Bereits jetzt sehen wir Schließungen und sinkende Umsätze,“ so die Expertin.
Die Gastronomie könnte besonders betroffen sein, da viele kleine Unternehmen seit Jahresbeginn von der erhöhten Körperschaftssteuer belastet werden.
Verbraucherverhalten und regionale Auswirkungen
In der Bevölkerung zeigt sich ein verändertes Konsumverhalten. Eine Studie eines russischen Discounters ergab, dass 37 Prozent der Konsumenten nun preisbewusst einkaufen, während es im Vorjahr nur 32 Prozent waren. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer zum Jahreswechsel von 20 auf 22 Prozent könnte dazu beigetragen haben.
Die schlechte wirtschaftliche Lage hat auch Auswirkungen auf die russischen Regionen, wo bei Bildung und Gesundheit gespart wird. Dennoch steigt die Schuldenlast. Der russische Finanzminister Anton Siluanow kündigte an, gegensteuern zu wollen: „Unsere Aufgabe besteht darin, die Verschuldung der Regionen bei den Privatbanken in Höhe von 18 Milliarden Euro im laufenden Jahr maximal zu senken.“
Einfluss ukrainischer Angriffe
Zusätzlich wird die russische Wirtschaft durch ukrainische Angriffe auf Ziele tief im Land belastet. Die spektakulären Angriffe auf die Öl-Infrastruktur haben jedoch bislang keinen entscheidenden Einfluss, meint der Wirtschaftsexperte Dmitri Nekrassow, der in Russland als ausländischer Agent gilt.
Die russischen Öl-Exporte sind im März und April trotz der ukrainischen Angriffe deutlich gestiegen, um zehn Prozent im Vergleich zu Januar und Februar. Zu diesem Zeitpunkt war die Lage schwierig, da ein Überangebot herrschte und Eis im finnischen Meerbusen die Lieferungen behinderte. Diese Faktoren hatten einen viel größeren Einfluss als die Drohnenangriffe.
Dmitri Nekrassow
Sorgen in der Industrie
Viele Unternehmen in Russland äußern Besorgnis über die zunehmenden ukrainischen Angriffe. Zahlreiche Betriebe haben bereits Abwehrmaßnahmen ergriffen oder planen diese, erklärt Alexander Schochin, der Vorsitzende des russischen Industrie- und Handelsverbandes: „Große Unternehmen legen viel Wert auf den Schutz ihrer Anlagen und Liegenschaften. Einige Probleme müssen jedoch noch gelöst werden, insbesondere die Beschaffung von Waffen – nicht nur von solchen mit kleinem Kaliber, sondern auch von größeren Waffen. Dabei geht es um elektronische Kampfführung und Lasersysteme.“
Ob eine verstärkte Luftabwehr die strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft lösen kann, bleibt fraglich. Solange etwa 40 Prozent des Staatshaushalts für Krieg, Rüstung und Sicherheit aufgewendet werden, dürfte eine Erholung schwierig sein. Der russische Finanzminister plant zwar Einsparungen, jedoch offenbar nicht im militärischen Bereich.
Jürgen Buch, ARD-Moskau, 03.06.2026 • 08:56 Uhr
Quellen: tagesschau