Die Gerresheimer-Aktie hat nach einem Bilanzskandal ein Mehrjahrestief erreicht. Technische Indikatoren deuten jedoch auf eine extreme Überverkauftheit hin. Der RSI liegt bei lediglich 25 Punkten, und der Kurs befindet sich deutlich unter den beiden wichtigen gleitenden Durchschnitten. Trotz der Turbulenzen halten einige Analysten an überraschend hohen Kurszielen fest. Könnte die stark angeschlagene Aktie des Verpackungsspezialisten aus Düsseldorf nun eine Erholung einleiten? Die Kombination aus einer extremen technischen Situation und einer fundamental nicht völlig hoffnungslosen Perspektive könnte risikobereite Anleger anziehen. Dennoch bleibt die Unsicherheit groß. Der verschobene Jahresabschluss, drohende Wertberichtigungen von bis zu 240 Millionen Euro und erhebliche Vertrauensverluste bei den Investoren werfen dunkle Schatten auf die Zukunft. Manchmal ergeben sich jedoch die besten Chancen genau dann, wenn die Stimmung am schlechtesten ist.
Bilanzprobleme erschüttern das Vertrauen
Die Nachricht über die Verschiebung des Jahresabschlusses für 2025 kam unerwartet. Ursprünglich war die Veröffentlichung für den 26. Februar angesetzt. Der Grund für die Verzögerung sind Unregelmäßigkeiten in der Bilanzierung. Einige Mitarbeiter haben gegen interne Richtlinien sowie internationale Rechnungslegungsstandards verstoßen. Diese Fehler betreffen insbesondere die Erfassung von Umsatzerlösen und die Bewertung von Vorräten in den Geschäftsjahren 2024 und 2025. Das Management hat bereits reagiert und eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hinzugezogen, um das Ausmaß der Verstöße zu klären. Erste personelle Konsequenzen wurden bereits gezogen. Für das Geschäftsjahr 2024 muss der Konzern den Umsatz um etwa 35 Millionen Euro nach unten korrigieren, während das bereinigte EBITDA um 24 Millionen Euro sinkt. Die Lasten für 2025 sind noch gravierender, da das Unternehmen mit nicht zahlungswirksamen Wertminderungen zwischen 220 und 240 Millionen Euro rechnet. Die Reaktion der Börse war heftig: Die Aktie fiel um über 30 Prozent und erreichte ein Mehrjahrestief unter 18 Euro. Im Februar 2025 lag der Kurs noch bei etwa 80 Euro. Das Vertrauen der Anleger ist stark beeinträchtigt. Um die Bilanz zu stabilisieren, plant Gerresheimer den Verkauf der US-Tochter Centor. Die Investmentbank Morgan Stanley soll diesen Prozess noch in diesem Jahr abschließen. Centor ist auf Verpackungssysteme für verschreibungspflichtige Medikamente spezialisiert und operiert in einem margenstarken Geschäft. Das Interesse potenzieller Käufer ist hoch. Zudem wird das Werk in Chicago Heights Ende 2026 geschlossen, um der Finanzierungsstruktur wieder Luft zu verschaffen.
Charttechnik
Der RSI liegt bei nur 25 Punkten und somit im überverkauften Bereich, was auf eine bevorstehende Gegenbewegung hindeuten könnte. Der Kurs notiert zudem deutlich unter den beiden wichtigen gleitenden Durchschnitten (50er und 200er). Allein betrachtet ist dies eher negativ, jedoch könnte der große Abstand auch einen Rebound begünstigen. In solchen Extremsituationen kann sich die Lage schnell ändern. Wenn die Verkaufswelle nachlässt, sind technische Rebounds möglich. Die Aktie ist charttechnisch so stark überverkauft, dass selbst eine kleine positive Nachricht zu einem kräftigen Kurssprung führen könnte. Widerstände liegen bei 22 Euro und 25 Euro. Sollten diese Marken zurückerobert werden, könnte dies ein erstes Lebenszeichen sein und der Aktie zusätzliche Schubkraft verleihen. Auch Shorteindeckungen von Hedgefonds könnten den Kurs unterstützen.
Was tun?
Die Bilanzprobleme sind ernst und das Vertrauen der Anleger ist erschüttert. Einige Analysten, wie Bernstein Research, haben ihre Kursziele gesenkt und empfehlen weiterhin den Verkauf. Die DZ Bank hat das Kursziel sogar auf 16 Euro reduziert. Die Verschuldungssituation rückt zunehmend in den Fokus. Dennoch gibt es auch andere Meinungen. Die Deutsche Bank hält an einem Kursziel von 34 Euro fest, was vom aktuellen Niveau aus fast eine Verdopplung bedeuten würde. Analyst Falko Friedrichs räumt ein, dass die Gewinnwarnung und die Abschreibungen für einen Schock gesorgt haben, sieht die Aktie jedoch langfristig nicht als hoffnungslos an. Dies zeigt, dass die Bewertungen unter Experten stark variieren. Für langfristige Anleger mit hoher Risikobereitschaft könnte die gegenwärtige Situation eine Gelegenheit darstellen. Die Überverkauftheit im Chart deutet auf Erholungspotenzial hin. Der geplante Verkauf von Centor könnte frisches Kapital in die Kassen bringen und die Bilanz entlasten. Trotz aller Schwierigkeiten hält das Management an einem Umsatzziel von 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro für 2026 fest, mit einer EBITDA-Marge zwischen 18 und 19 Prozent. Wer investiert, sollte sich jedoch der hohen Risiken bewusst sein. Die Bilanzprobleme sind noch nicht vollständig geklärt, und weitere negative Überraschungen sind möglich. Eine Erholung benötigt Zeit und vor allem Vertrauen, das sich das Unternehmen erst wieder erarbeiten muss. DAX – Fortsetzung des Aufwärtstrends in Vorbereitung und NACHBÖRSE/XDAX -0,1% auf 24.805 Pkt sind aktuelle Themen, die Anleger ebenfalls im Blick haben sollten.