Deutsche-Börse-Chef Stephan Leithner spricht sich für eine umfassende Reform der Altersvorsorge in Deutschland aus. In einem Interview äußerte er, dass die gesetzliche Rente nicht mehr ausreiche und ein Umdenken notwendig sei.
Dringender Reformbedarf in der Altersvorsorge
Leithner betont, dass die Bundesregierung nicht länger zusehen könne, wie immer größere Summen aus dem Bundeshaushalt benötigt werden, um die Rentenkasse zu stabilisieren. „Wir können nicht länger zusehen, dass immer größere Milliardenbeträge aus dem Bundeshaushalt aufgebracht werden müssen, um die Löcher in der Rentenkasse zu stopfen“, sagte er. Die gesetzliche Rente müsse als eine der drei Säulen der Altersvorsorge erhalten bleiben, jedoch müsse die kapitalmarktbasierte betriebliche und private Altersvorsorge eine bedeutendere Rolle einnehmen.
Politische Initiativen und Reformvorschläge
Die Bundesregierung hat bereits Schritte unternommen, um die Altersvorsorge zu reformieren. Leithner lobte die Einführung der Frühstart-Rente und des geplanten Altersvorsorgedepots, das als staatliches Standarddepot aus Wertpapieren fungieren soll. Er äußerte sich optimistisch, dass die Rentenkommission bald weitere Vorschläge präsentieren wird. „Der Druck, zu einer Lösung zu kommen, könnte nicht größer sein“, so Leithner.
Unzureichendes Rentenniveau
Leithner kritisierte das aktuelle Rentenniveau von 48 Prozent als unzureichend, insbesondere im Hinblick auf die steigenden Lebenshaltungskosten. Er fordert ein Gesamtniveau von bis zu 65 Prozent, was jedoch nicht allein durch die gesetzliche Rentenversicherung finanziert werden könne. „Mit Blick auf die Lebenshaltungskosten kann man ein Rentenniveau von 48 Prozent nicht anders bezeichnen als unsozial“, erklärte er.
Finanzielle Unterstützung für Kinder
Ein weiterer Vorschlag von Leithner betrifft die Frühstart-Rente, bei der Kinder ab dem sechsten Lebensjahr monatlich zehn Euro vom Staat erhalten sollen. Er plädiert dafür, diese Unterstützung mit einem Einmalbetrag von 4.000 Euro bei der Geburt eines Kindes zu kombinieren, um den Zinseszinseffekt zu nutzen. Zudem sollten steuerfreie Sonderzahlungen in das Kinderdepot ermöglicht werden.
Betriebliche Altersvorsorge ausbauen
Leithner fordert, dass die betriebliche Altersvorsorge in jeden Arbeitsvertrag integriert werden sollte. Aktuell sind nur etwa 50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in diesem System, während in Ländern wie den Niederlanden oder der Schweiz eine Abdeckung von 90 Prozent oder mehr besteht. „Es geht nicht darum, Gutverdienern Altersvorsorgeprodukte schmackhaft zu machen, sondern Menschen mit geringen oder mittleren Einkommen zu helfen, Vermögen aufzubauen“, so Leithner.
Wachstum der Anlegerzahlen
Leithner stellte fest, dass sich auch ohne staatliche Anreize viel getan hat. Im Jahr 2022 gab es in Europa 19 Millionen Anleger in börsengehandelte Indexfonds (ETFs), mittlerweile sind es 33 Millionen, davon mehr als 14 Millionen in Deutschland. Diese Entwicklung zeigt, dass immer mehr junge Menschen erkennen, dass die staatliche Vorsorge allein nicht ausreicht.
Finanzbildung und Kapitalmarktteilnahme
Leithner betont, dass die Deutschen stärker von der Wertschöpfung an den Kapitalmärkten profitieren sollten. Er verwies auf die gute Performance des Dax in den Jahren 2024 und 2025 und fragte, warum die Bürger nicht an dieser Wertsteigerung teilhaben. „Die beste Finanzbildung ist der Depotauszug“, sagte er und verwies auf die durchschnittliche Rendite im Deutschen Aktienindex von 7 bis 9 Prozent pro Jahr.
Zusammenfassend fordert Leithner eine grundlegende Reform der Altersvorsorge, um die finanzielle Sicherheit im Alter zu gewährleisten und die Bürger zu ermutigen, aktiv an der Kapitalmarktentwicklung teilzunehmen.
- Kritik an der Koalition: Zweifel an der Verwendung des Sondervermögens
- Wie können Kliniken in der Krise finanziell stabilisiert werden?
„`
Bildquelle: Christoph Scholz via Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)