Moskau/Kiew
17.05.2026 / 12:47
Die Verhandlungen im Ukraine-Konflikt sind ins Stocken geraten, während an der Front kaum Fortschritte zu verzeichnen sind. Gibt es einen Ausweg aus dem anhaltenden Drohnenkrieg, der die Situation dominiert? Der Russland-Experte Matthias Uhl hat hierzu ein neues Buch veröffentlicht.
Nach dem Ende der von US-Präsident Donald Trump vermittelten Waffenruhe haben Russland und die Ukraine erneut massive Luftangriffe aufeinander verübt. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew und in Russland selbst sind zahlreiche Zivilisten zu beklagen. Der Konflikt wird zunehmend von einem Drohnenkrieg geprägt, während sich am Boden kaum etwas bewegt. Die Frontlinie hat sich in eine „graue Zone“ verwandelt, die sich über mehr als 1000 Kilometer erstreckt und stellenweise über 20 Kilometer breit ist.
Verhandlungen zum Kriegsende stagnieren
Die Kämpfe am Boden sind nicht die einzigen, die in einer Sackgasse stecken. Auch die Verhandlungen über ein mögliches Ende des Krieges sind ins Stocken geraten. Dies liegt nicht nur daran, dass die USA durch den Iran-Konflikt abgelenkt sind. Viele Beobachter sind der Meinung, dass sowohl Moskau als auch Kiew weiterhin auf militärische Erfolge setzen.
Obwohl Kremlchef Wladimir Putin vor einer Woche in einem Nebensatz äußerte, dass er glaubt, der Krieg neigte sich dem Ende zu, stellte der Kreml schnell klar, dass dies nur die Hoffnung widerspiegle, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj den russischen Bedingungen nachgeben und seine Truppen aus dem Gebiet Donezk abziehen würde. Selenskyj hat jedoch solche Zugeständnisse abgelehnt, was die Zeichen auf weitere Kämpfe stellt.
Fortdauer des Abnutzungskriegs
„Der Abnutzungskrieg wird sich vorerst fortsetzen“, erklärt der Historiker und Russland-Experte Matthias Uhl. In seinem neuen Buch „Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht“ (Herder) beschreibt er mögliche Entwicklungen. Er verweist darauf, dass es in der Geschichte zahlreiche Beispiele gibt, in denen Kriege trotz Erschöpfung und bekundeter Friedensbereitschaft noch Jahre andauerten, da beide Seiten an einen bevorstehenden Sieg glaubten.
„Der russisch-ukrainische Krieg birgt die Gefahr, dass eine der beiden Seiten zu spät erkennt, wann der Endpunkt erreicht ist“, sagt Uhl.
Uhl, der mehr als 20 Jahre in Russland lebte und am inzwischen als „unerwünscht“ eingestuften Deutschen Historischen Institut tätig war, betont, dass Russland aufgrund seiner Ressourcen durchaus in der Lage sei, den Krieg weiterzuführen. Trotz zunehmender wirtschaftlicher Probleme, die unter anderem durch Sanktionen bedingt sind, bleibt der im Westen erwartete Systemkollaps aus.
Drohnenkrieg dominiert das Geschehen
Der russische Militärexperte Dmitri Kusnez von der kritischen Nachrichtenplattform „Meduza“ sieht in den hohen Ölpreisen eine Entlastung für Putins Kriegskasse. Dennoch bezweifelt er, dass der russische Generalstab unter den gegenwärtigen Bedingungen des Drohnenkriegs und dem langsamen Vormarsch der Truppen bis Ende Herbst den Donbass erobern kann. Er hebt hervor, dass die Ukraine technologisch besser auf den Drohnenkrieg vorbereitet ist als Russland.
„Gegen die Übermacht der Drohnen scheint es derzeit kein wirksames Mittel zu geben“, betont auch Uhl. „Um einen erfolgreichen Vorstoß zu ermöglichen, müssten diese zunächst vom Gefechtsfeld entfernt werden. Dafür kämen nur kostspielige Technologien wie Laser oder Maschinenwaffen in Betracht“, erklärt er.
Zusätzlich versuchen die Ukrainer, die russische Luftabwehr zu schwächen und die Krim sowie die dortige Versorgung der Truppen abzuschneiden. Russische Angriffe auf die Ölindustrie werden ebenfalls durch ukrainische Angriffe beeinträchtigt. Präsident Selenskyj hat angekündigt, diese Angriffe im Hinterland zu intensivieren, um die russischen Einnahmen aus dem Energieexport zu verringern.
Erhöhung des militärischen Einsatzes in Russland möglich
In Russland wächst der Druck auf den Kreml, den militärischen Einsatz zu intensivieren. Uhl hält es für möglich, dass Moskau, sollte die Zahl der Freiwilligen zurückgehen, andere Wege finden könnte, um Soldaten für die Front zu rekrutieren. Denkbar wären eine erneute Teilmobilmachung oder die Umwandlung der offiziell als „militärische Spezialoperation“ bezeichneten Kriegshandlungen in eine „Anti-Terror-Operation“, was den Einsatz von Wehrpflichtigen ermöglichen würde.
Im Gegensatz dazu sieht Uhl die Ukraine aufgrund ihrer kleineren demografischen Basis im Nachteil. „Der Mangel an Soldaten, insbesondere an Infanterie, wird sich voraussichtlich weiter verschärfen“, sagt er. „Die letzte Möglichkeit könnte die Mobilisierung von 18- bis 25-jährigen Männern sein, die bislang vom verpflichtenden Militärdienst ausgeschlossen sind.“ Aktuell sei Kiew nicht in der Lage, großangelegte Offensiven wie in den ersten drei Kriegsjahren durchzuführen.
Langfristige Herausforderungen für die Ukraine
Obwohl die Ukraine ihre eigene Rüstungs- und Drohnenproduktion ausweitet, bleibt sie weiterhin auf westliche Präzisionswaffen, Luftverteidigungssysteme und Geheimdienstinformationen angewiesen, die sie vor allem von Frankreich erhält. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Ukraine ist aufgrund der Fluchtbewegungen und der Mobilmachung langfristig beeinträchtigt, so Uhl.
Zukunftsszenarien für den Konflikt
Neben dem Abnutzungskrieg skizziert Uhl drei weitere Szenarien für ein mögliches Ende des Konflikts: das Einfrieren des Konflikts ohne einen formellen Frieden, einen erzwungenen Kompromiss oder einen von außen herbeigeführten Waffenstillstand, wie ihn die USA anstreben.
„Es ist nicht auszuschließen, dass das System Putin durch den anhaltenden Krieg zu einem vorzeitigen Ende kommt, da dessen Wille, eine militärische Entscheidung herbeizuführen, die Kraft und Moral des Landes erschöpfen könnte“, so Uhl.
Quellen: mopo
Bildquelle: Sincerely Media auf Unsplash