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Provokation war sein Programm: „Wutkünstler“ Georg Baselitz gestorben

Der Maler Georg Baselitz ist im Alter von 88 Jahren verstorben. Bekannt für seine provokanten „Kopfstand“-Bilder und kritischen Äußerungen zur Gesellschaft, hinterlässt er einen nachhaltigen Einfluss auf die zeitgenössische Kunstwelt.

Provokation war sein Programm: „Wutkünstler“ Georg Baselitz gestorben
Photo by Johan Pérez on Pexels

Der renommierte Künstler Georg Baselitz ist im Alter von 88 Jahren verstorben.

Salzburg

30.04.2026 / 21:27

Von: Christiane Oelrich, Matthias Röder

Seine Werke sind monumental, und Provokation war ein zentrales Element seines Schaffens. Mit seinen „Kopfstand“-Bildern hat Georg Baselitz einen bleibenden Eindruck in der Kunstgeschichte hinterlassen. Deutschland hat einen der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler verloren.

Baselitz war bekannt dafür, ein unbequemer Zeitgenosse zu sein, der gerne provozierte und Widerstand leistete. In seinen gesellschaftskritischen Äußerungen ließ er kein gutes Haar an den Journalisten, die er als angepasst und die Künstler als konform bezeichnete. Kurz vor seinem 80. Geburtstag äußerte er 2018 bei einer Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel, dass die Demokratie in Deutschland zur Autokratie verkommen sei. Sein Lebensmotto lautete: Widerspruch! Die Galerie Thaddaeus Ropac in Salzburg gab bekannt, dass Baselitz verstorben ist.

„Als wegweisender Innovator und einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit übte er zeitlebens einen tiefgreifenden Einfluss auf seine Künstlerkollegen und die internationale Kunstwelt aus“, hieß es in der Todesnachricht der Galerie auf Instagram.

Ein Unangepasster in der Kunstwelt

Die Museen und das Publikum schätzten den Unangepassten. Im Jahr 2023, anlässlich seines 85. Geburtstags, fanden mehrere bedeutende Ausstellungen statt, darunter „Nackte Meister“ im Kunsthistorischen Museum in Wien. Diese Ausstellung zeigte von Baselitz selbst ausgewählte Werke aus 50 Schaffensjahren, die sich mit der Nacktheit des Malers und seiner Frau beschäftigten. Diese Werke wurden im Dialog mit Ölbildern alter Meister präsentiert, die ebenfalls das Thema Nacktheit behandelten. Baselitz stellte klar, dass er idealisierte Schönheit als hohles Pathos ablehnte.

Bereits früh in seiner Karriere malte er gegen den Trend: figurativ, als die Abstraktion in der Kunst dominierte, und großformatig, als kleinere Formate besser verkauft wurden. Er experimentierte mit verschiedenen Malstilen, von impressionistisch bis kubistisch. Seine Fraktur-Bilder bezeichnete er als Werke, mit denen er den Kubismus „verhohnepiepelt“ habe.

Provokation und Skandale

Seine erste Ausstellung im Jahr 1963 sorgte für Aufsehen. Die Sittenpolizei sah in seinen Ölbildern „Nackter Mann“ (mit einem überdimensionalen Penis) und „Die große Nacht im Eimer“ (mit einem onanierenden Jungen) Pornografie und beschlagnahmte sie. Baselitz hatte diesen Skandal bewusst herbeigeführt, um trotz der Ablehnung, die ihm entgegengebracht wurde, Aufmerksamkeit zu erlangen.

Sein Markenzeichen war es, die Gesetzmäßigkeiten der Natur auf den Kopf zu stellen. Er malte seine Werke verkehrt herum: Füße und Wurzeln oben, Kopf und Baumkrone unten. 1969 entstand mit „Der Wald auf dem Kopf“ das erste „Umkehrbild“, das er als „dritten Weg“ zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit erklärte. Sein Ziel war es, die Bilder von der „fatalen Abhängigkeit zur Wirklichkeit“ zu befreien.

„Georg Baselitz hat nicht nur seine Bilder, er hat auch unsere Denkroutinen auf den Kopf gestellt“, schrieb Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Kondolenzschreiben. „Er, der die Zerstörung und das Leid des Zweiten Weltkrieges als Kind erlebte, sah sich durch den Zusammenbruch aller Ordnungen dazu gezwungen, alles um sich herum in Frage zu stellen.“

Ein Künstler mit einer besonderen Perspektive

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bezeichnete Baselitz als einen „der weltweit bedeutendsten bildenden Künstler unserer Zeit“. In seiner Reaktion erklärte Weimer: „Seine Werke sind geprägt durch eine radikale Befragung der eigenen Identität als Künstler – und einer ebenso radikalen Befragung der deutschen Geschichte.“

In seinen „Heldenbildern“ ab 1965 thematisierte Baselitz den Krieg. Die vermeintlichen Helden erscheinen als gebrochene Gestalten in zerlumpten Uniformen, deren verzerrte Proportionen mit riesigen Händen und Füßen sowie kleinen Köpfen verstören. „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur vor seinem 85. Geburtstag.

Schaffensdrang bis ins hohe Alter

Obwohl er zunehmend auf einen Rollstuhl angewiesen war, minderte dies nicht seinen Schaffensdrang. „Meine Fortbewegungsmittel im Atelier kommen jetzt aus dem orthopädischen Fachhandel“, bemerkte er. Baselitz malte gerne auf dem Boden, und seine Frau Elke, mit der er über 60 Jahre verheiratet war, hatte ihm in späteren Jahren ein Podest dafür gebaut.

Seine monumentalen Werke sind in den bedeutendsten Museen der Welt zu finden. 2004 wurde Baselitz mit dem japanischen Preis Praemium Imperiale ausgezeichnet, einem der renommiertesten Kunstpreise weltweit. 2019 wurde er in die Akademie der bildenden Künste in Paris aufgenommen. In seiner Antrittsrede 2021 betonte er, dass die Gesellschaft Künstler benötige, „sonst wäre sie nur ein Affenstall. Mit Kunst kann man die Welt bereichern, aber die Bösartigkeit nicht verjagen.“

Ein Künstlername mit Bedeutung

Baselitz wurde in Sachsen geboren und trug den bürgerlichen Namen Hans-Georg Kern. Sein Künstlername ist eine Hommage an seinen Geburtsort Deutschbaselitz. Bereits als Teenager begann er mit dem Malen. „Beim Bildermalen hatte ich ein Gespür, dass ich etwas hatte, das man Talent nennt“, äußerte er 2018 im Museum Beyeler.

Sein Widerspruch gegen alles Herkömmliche führte dazu, dass der junge Baselitz schnell seine Lehrer provozierte und in den 50er Jahren wegen „gesellschaftlicher Unreife“ von der Kunsthochschule in Berlin flog. Er zog es vor, Picasso zu malen, anstatt in den Semesterferien ins Kombinat zu fahren, und siedelte schließlich in den Westteil der Stadt über.

Komplexes Verhältnis zu Deutschland

Ende der 1970er Jahre begann er mit kantig gesägten Holzskulpturen, die an afrikanische Kunst erinnerten. Auch dies sorgte für Aufregung: Seine Skulptur für den deutschen Pavillon bei der Biennale 1980 in Venedig, die den Arm nach oben hielt, wurde als Hitlergruß missverstanden, was er jedoch später klarstellte. Sein Verhältnis zu Deutschland war nicht ungetrübt. Als Reaktion auf das Kulturgutschutzgesetz von 2016 zog er seine Dauerleihgaben aus deutschen Museen zurück, da er befürchtete, nicht mehr frei über sein Eigentum verfügen zu können.

Die überdimensionalen Bilder, die ihm weltweite Berühmtheit einbrachten, waren auch Ausdruck seines Geltungsdrangs. „Mit kleinen Formaten kannst du nichts werden“, sagte Baselitz dem Kurator der Werkschau 2018 in der Fondation Beyeler. „Das Großformat zerstört auch das einvernehmliche Verhältnis zwischen Sofa und Bürgertum, da die Bilder nicht durch die Tür gehen.“

Trotz seiner Erfolge und der Millionenpreise, die seine Werke auf dem Kunstmarkt erzielten, war Baselitz von Ängsten geplagt: „Die Unsicherheit und die Angst vor dem Scheitern sind ein tägliches Problem“, erklärte er.

Bildquelle: Johan Pérez auf Pexels

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