„Ich habe mich vor dem Gedanken geekelt, sie anzufassen“, gesteht André Kratsch, während er auf seine Jugend zurückblickt. Der 29-Jährige hat einen langen Weg hinter sich, um zu akzeptieren, wer er wirklich ist. In einem Porträt wird deutlich, wie Scham und Angst ihn jahrelang begleiteten und ihn sogar dazu brachten, homophobe Äußerungen zu tätigen.
Ein prägendes Erlebnis auf der Kellerparty
Die Geschichte beginnt auf einer Kellerparty in einem kleinen Dorf, wo der 16-jährige Kratsch betrunken auf einer Bühne steht. Neben ihm ein Mädchen, das in ihn verliebt ist. Trotz seines Unbehagens, sie zu berühren, kommt es zu einem sexuellen Erlebnis, das ihn bis heute belastet. „Ich habe dieses Mädchen benutzt, um etwas zu verstecken, das ich selbst nicht akzeptieren konnte“, reflektiert Kratsch. In diesem Moment wird ihm klar, dass er schwul ist.
Ein neues Leben in Frankenthal
Heute lebt Kratsch mit seinem Partner Justin Kohn in einer Wohnung in Frankenthal, nahe Mannheim. An der Tür hängt ein Schild in Regenbogenfarben mit der Aufschrift: „Hass hat hier keinen Platz“. Die Wohnung ist liebevoll eingerichtet, mit persönlichen Gegenständen, die seine Reise zur Selbstakzeptanz widerspiegeln. „Ich umarme gern Menschen“, sagt Kratsch und beschreibt sich selbst als „Softy“.
Die Herausforderung der Selbstakzeptanz
Bereits in seiner Kindheit wusste Kratsch, dass er Jungs mag. Aufgewachsen in einem Dorf bei Nürnberg, beobachtete er, wie ein schwuler Mitschüler gemobbt wurde. Diese Erfahrungen prägten ihn und führten dazu, dass er versuchte, nicht aufzufallen. „Ich wollte nicht schwul sein. Ich wollte dazugehören“, erklärt er.
Der Druck wächst
Mit 12 oder 13 Jahren hatte Kratsch Alibi-Freundinnen, doch je älter er wurde, desto schwieriger wurde es, seine wahre Identität zu verbergen. Er begann, Geschichten über fiktive Freundinnen und sexuelle Erlebnisse zu erfinden, um den Erwartungen seiner Freunde gerecht zu werden. „Ich googelte: ‚Bin ich schwul?’“, erinnert er sich. Die Antworten, die er fand, halfen ihm nicht weiter. „Das Internet hat nur Klischees ausgespuckt“, sagt er.
Der Wendepunkt auf der Baustelle
Nach der Schule arbeitete Kratsch im Straßenbau und erlebte dort eine Männlichkeit, die ihm vertraut war. Er machte mit bei den Sprüchen und dem Verhalten seiner Kollegen, auch wenn es ihm innerlich widerstrebte. „Ich schäme mich dafür, was für ein Mensch ich damals war“, gesteht er. Ein Vorfall, bei dem er einen schwulen Mann beleidigte, bleibt ihm besonders in Erinnerung.
Der erste Schritt zur Akzeptanz
Mit 18 Jahren traf Kratsch über die Dating-App „Grindr“ zum ersten Mal einen Mann. Diese Begegnung war für ihn ein Wendepunkt. „Es fühlte sich richtig an, wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal einen Lolli bekommt“, beschreibt er. Aus diesen ersten Treffen entwickelte sich eine Beziehung zu Justin, die ihm half, seine Identität zu akzeptieren.
Die Folgen des Coming-outs
Mit 24 Jahren sprach Kratsch schließlich aus, was er so lange verdrängt hatte: „Ich bin schwul.“ Doch die Reaktionen waren schmerzhaft. Sein bester Freund und sogar sein Bruder wandten sich von ihm ab. „Geh weg mit deinen Schwuchtel-Bazillen“, soll sein Bruder gesagt haben. Diese Erfahrungen bestätigten seine Ängste vor Ablehnung.
Ein neuer Weg
Trotz der Rückschläge möchte Kratsch heute stolz auf seine Identität sein. Er zeigt sich in bunten Kleidungsstücken, auch wenn er sich manchmal noch unsicher fühlt. „Ich liebe diese rosafarbene Trainingshose“, sagt er und strahlt, während er sie präsentiert. Sein Weg zur Selbstakzeptanz ist noch nicht abgeschlossen, aber er ist bereit, ihn weiterzugehen.
André Kratsch ist ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, sich selbst zu akzeptieren und die eigene Identität zu leben, auch wenn der Weg dorthin steinig ist.
Quellen: mopo